Ein auffallend buntes Gitternetz von Tagen

Die 52-jährige Julia Jankowsky aus Lübeck stellt ihr neues Kalendarium vor

Lübeck – Wenn Julia Jankowsky ihre Buntstifte zur Hand nimmt, dann gibt es meistens kein Halten mehr. Sie zeichnet nicht nur kreativ-bunt, sie zeichnet mit Hintergrund: mal ernst, mal lustig, mal emotional, mal lehrreich – aber immer ehrlich und authentisch. Zum Ausdruck bringt sie das in ihrem neuen Kalendarium für 2023, das wieder viele Überraschungen für seine Betrachter parat hat. Mehrere Monate hat sie für die 49. Auflage des ebenso bunten wie satirischen Gitterwerks in ihrem Atelier „Julender“ in Lübecks Künstlerviertel in der Glockengießerstraße, ganz in der Nähe des Günter-Grass-Hauses, gezeichnet. Damit verleiht sie den 365 Tagen des kommenden Jahres eine besondere künstlerische Bedeutung.
Entstanden ist diesmal ein auffallend buntes Gitternetz von Tagen: „Mein neuer Kalender soll den Menschen Hoffnung in dieser schweren Zeit machen und sie von den aktuellen Ereignissen in der Welt ablenken“, wünscht sich die Diplom-Designerin aus Lübeck. Julia Jankowsky möchte mit ihren Motiven die Menschen, trotz Krieg in der Ukraine und der daraus entstandenen Energiekrise, erreichen und auf andere Gedanken bringen.
Dabei hat es die 52-Jährige mit ihrem Kalendarium im vergangenen Jahr nicht nur in das Wochenend-Magazin vieler Tageszeitungen in Schleswig-Holstein gebracht, sondern auch mit einem kleinen Beitrag ins norddeutsche Fernsehen, in die Sendung „DAS“. Nach den Medienberichten ist Julia Jankowsky immer noch von den unendlich vielen Zuschriften und dem großen Interesse an ihrer Arbeit überwältigt: „Ich bin förmlich überrollt worden, aber auch unendlich dankbar für diese tolle Erfahrung“, schmunzelt sie. Nur durch die Hilfe der befreundeten Nachbarn in der Straßengemeinschaft sei die darauf folgende Arbeit bewältigt worden.
Julia Jankowsky übernahm 2003 den Kalender von ihrem Vater, dem Architekten Günter Jankowsky († 2008), und entwickelte das Blatt ständig mit ihrer eigenen spitzfindigen Satire weiter. Das Kalendarium wird von vielen Menschen Jahr für Jahr als Wand- oder Türschmuck geschätzt – stets mit Neumonden, nordischen Leuchttürmen und Tierkreiszeichen. Auf vielfachen Wunsch werden diesmal auch mehr Feiertage der jeweiligen Bundesländer visualisiert, wenn sie in mehr als einem Land gefeiert werden. Sie sind in schraffierten Feldern gekennzeichnet. Und 2023 ist auch etwas für Fans von „Brückentagen“, die ihr Augenmerk unbedingt auf die Weihnachtsfeiertage und den Neujahrstag legen sollten, empfiehlt Julia Jankowsky mit einem Augenzwinkern.
Im Blick auf die kriegerische Auseinandersetzung in der Ukraine beginnt Julia Jankowsky das Jahr 2023 mit Glücksklee im Sektglas. Ihre Hoffnung, ihr Wunsch: „Es soll für alle ein glückliches Jahr werden.“ So mutieren wenig später im Januar bäuerliche Schachfiguren zu den gekrönten Heiligen Drei Königen und der Steinbock schaut sich das Treiben aus seinem eisigen Iglu an. Davor ist ein dezenter Hinweis auf den Tag des deutschen Apfels (11. Januar). Dem Wasser sparenden Wassermann folgt eine Schneefrau mit ihrem Kind.
Eisangeln ist bei Julia Jankowsky Anfang Februar angesagt, wenn sich eine Anglerin ein Loch ins Eis des Sees bohrt um die Jagd auf die Fische (Sternkreiszeichen) im März zu eröffnen. Ein weiteres miteinander korrespondierendes Motiv folgt am 11. Februar mit dem energiesparenden „Teelicht-Ofen“, der sogar noch im März die Hände erwärmt. Am 14. Februar gibt es Krokusse zum Valentinstag, und eine Närrin feiert ein paar Tage später den 200. Geburtstag des Festkomitees des Kölner Karnevals von 1823. In Erinnerung bringt die Diplom-Designerin auch den weltbekannten Tenor Enrico Caruso, der sich zu seinem 150. Geburtstag selbst ein Ständchen singt. Ein Gläschen Sekt trinkt sie wenig später zum eigenen Geburtstag.
Zwischen den monatsübergreifenden fangfähigen Fischen, die sich immer noch über die eigenwilligen Haken aus dem Februar wundern, und dem frierenden Paar, weist eine rote Tulpe (8. März) auf den nur in Berlin als Feiertag geltenden Internationalen Frauentag hin. Im März „leuchtet“ der erste Leuchtturm aus Westerhever und es folgt die Zeitumstellung auf die mitteleuropäische Sommerzeit durch eine schwungvolle Pendeluhr.
Anfang April lässt Julia Jankowsky den Widder durch eine Wetterscheide in eine wahrlich freundliche Jahreszeit treten. Wenige Tage später lässt es sich der Osterhase bei einem Nickerchen recht gut gehen. „Die Eier hat er längst aus dem Osterkorb gestoßen“, schmunzelt Julia Jankowsky. Die Businessfrau freut sich des Lebens und verbindet das Aprilwetter mit kindlichem Springen in Wasserpfützen. Und während sich der Stier mit einem Buch über seine Artgenossen bildet, feiert die Fehmarnsundbrücke, die die Insel Fehmarn mit dem Festland verbindet, am 30. April ihren 60. Geburtstag. „Natürlich mitten im Stau“, befürchtet Julia Jankowsky im Hinblick auf die feste Belt-Querung ­­­– ein Nadelöhr.
Die aus dem Helm eines Bauarbeiters emporwachsende rote Nelke am 1. Mai weist auf den Tag der Arbeit hin, bevor sich der Hering auf dem Fischbrötchen als Werbe-Ikone zum Welt-Fischbrötchentag ablichten lässt. Ein Herz steht am 12. Mai für den 15. Todestag von Vater Günther Jankowsky. Weil ausgerechnet der Muttertag am 14. Mai auf den Tag der Kommunalwahl in Schleswig-Holstein fällt, befürchtet Julia Jankowsky Familienstreit. Schlichtend wirkt die Brief- oder Friedenstaube, die einen Herzensbrief in die Wahlurne schiebt – der Adressat ist unbekannt. Himmelfahrtsmotiv ist ein schlichtes Bierfass: „Ein Hinweis auf Gruppenreisen nach Mallorca und dem oft exzessiven Trinken durch Stohhalme.“ Danach gönnt sich ein ruhender Mann einen Wein. Die Zwillinge „Fin“ und „Sten“ – Achtung: Wortspiel – feiern gemeinsam Pfingsten.
Die Schafskälte eröffnet den Juni mit einem zuvor geschorenen Deich-Schaf im wärmenden Wollpullover. Julia Jankowsky weist am 11. Juni auf den Bau des ersten Solar-Hauses „Solar One“ in Amerika vor 50 Jahren hin. Eine Woche später werden in Berlin die „Special Olympic World Games“ eröffnet – übrigens: erstmals in Deutschland und parallel zur Eröffnung der Kieler Woche, die eine Woche später schon mit einem „Segler-Eintopf“ beendet wird. „Das Rezept dafür bleibt mein Geheimnis“, lacht Julia Jankowsky.
Ein Krebs macht sich Anfang Juli über den frischen Salat her, bevor der Vater mit seinem Sohn auf dem Rasen-Traktor über den teilweise leider sommerlich verdorrten Rasen fährt. Ein Motorradfahrer tuckert am 15./16. Juli mit seiner Harley Davidson aus dem Film „Easy Rider“ zum 120. Geburtstag des Kult-Motorradbauers nach Milwaukee. Danach hat eine Löwin zur Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen, die bereits zwei Tage zuvor in Australien und Neuseeland begann, den Ball erobert. „Ich liebe und lebe Freundschaften“, bekennt Julia Jankowsky und weist mit einem Motiv ganz besonders auf den „Tag der Freundschaft“ am 30. Juli hin.
Der Peilturm Kap Arcona auf der Ostseeinsel Rügen eröffnet den August, bevor der Wachtelkönig dem Gitterwerk seine Aufwartung macht – ein bedrohter und auf der Roten Listen stehender Vogel. „Leider hat der Wachtelkönig in meiner Zeichnung seine Krone schon verloren“, bedauert die Kalender-Malerin. Über den Feiertag Mariä Himmelfahrt hinaus beendet standesgemäß ein Känguru die Frauen-Fußball-WM in Australien. Es hat den WM-Ball allerdings schon mal „eingebeutelt“. Unberührt davon hat die schmucke Jungfrau eine wunderschöne Strandburg am Meer gebaut.
Zum Spielen laden im September die runden Strohballen auf den Feldern ein, erinnert sich die 52-Jährige an ihre eigene Jugend auf dem Lande. Eine E-Roller-Fahrerin macht einen umweltfreundlichen Ausflug in die Natur, bevor das Oktoberfest in München mit einer zünftigen bayerischen Brotzeit aus der Handwerker-Kiste eröffnet wird. Ein pausierender Wanderer weist auf den Herbstbeginn hin und gönnt sich erst einmal einen Schluck Wasser. Ein ebenso schwergewichtiger wie ungesunder Burger bringt die Waage völlig aus dem Gleichgewicht, weil auf der anderen Seite Anfang Oktober die gesunde Ernährung zum Erntedankfest steht.
Und zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober wird auch das Oktoberfest in München beendet, und die feschen Bayerinnen motten ihre Dirndl wieder ein. Außerdem wird es Zeit, dass der Gartenfreund sich dem Beschnitt seiner Obstbäume widmet. Am Tag des Schornsteinfegers verbreitet Julia Jankowsky gleich dreifaches Glück: der Schornsteinfeger reitet auf einem Glücksschwein, das ein Glückskleeblatt im Maul trägt. Mehr geht wohl nicht! Das „Sydney Opera House“ ist eines der markanten und berühmten Gebäude des 20. Jahrhunderts und feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Der Skorpion sieht sich offensichtlich von der bevorstehenden Rückstellung der Uhrzeit bedroht. Reformationstag und Allerheiligen folgen.
In Zeiten der Einsparung von Energie heizt Julia Jankowsky Anfang November mit einer Küchen-Hexe ein. Sie erinnert sich gern an einen solchen Ofen aus ihrer Jugendzeit, auf dem stets das Wasser für den wärmenden Tee vorbereitet wurde. Als Tierfreundin lässt sie am Martinstag die Martinsgans den Küchenchef davonjagen. Und wer denkt, er kennt schon alle Welttage, der muss sich jetzt auf die ultimative Probe stellen lassen: am 19. November weist Julia Jankowsky mit einem Plumpsklo auf den Welt-Toilettentag hin. Das Sternzeichen des Schützen findet sich in einem Verkehrsschild mit Schützenhut und bierseelig kriechendem Schützenbruder wieder.
Ein Rettungsring leitet die Adventszeit im Dezember ein und bietet Platz für Kerzen. 2023 fallen der 4. Advent und der Heilige Abend auf einen Tag. Das ist dem Weihnachtsmann offenbar ganz egal, denn er hat nur ein Problem: der Rettungsring passt ihm nicht. Mit dem schiefen und mittlerweile abgetragenen Leuchtturm von Bremerhaven beendet Julia Jankowsky das Jahr. Mit einer Lunte versehen dient er ihr als Feuerwerksrakete in ein hoffentlich friedvolles 2024.

Michael Kuhr, Eutin